Neue Gesprächskultur

Viele Menschen sind unfähig, ehrlich und offen miteinander zu reden / Ein Plädoyer für eine neue Gesprächskultur

Von Horst Siebert

Der Dialog ist ein zentrales Thema der abendländischen Philosophie. Von Sokrates bis Martin Buber, von Gadamer bis Habermas. Der Dialog ist nicht lediglich eine Kommunikationsform, sondern er gehört zum Wesen menschlicher Identität und des gesellschaftlichen Miteinanders. Im Gespräch mit anderen kommen wir zu uns selbst, entwickeln wir unser Selbstbewusstsein, erleben wir unsere Zugehörigkeit zu einer Verständigungsgemeinschaft, erzeugen wir eine Welt, die wir mit anderen teilen, und die sich dadurch als viabel,. als vernünftig erweist. Der Dialog hat somit eine persönliche, eine soziale und eine politische Dimension. Und dennoch sind Dialoge selten.

Funkstille zwischen Eheleuten 

Es wird viel geredet, wenn der Tag lang ist. Es wird viel diskutiert, belehrt und informiert. Und gleichzeitig wurde errech-net, dass Ehepartner in den USA im Durchschnitt täglich weniger als vier Minuten miteinander sprechen. In der modernen Informationsgesellschaft scheinen die Fähigkeiten einer dialogischen Gesprächsführung eher verloren zu gehen. Wie David Bohm in seinem Buch „Der Dialog – das offene Gespräch am Ende der Diskussion“ schreibt „steckt eine Menge Gewalttätigkeit in den Meinungen, die wir verteidigen. Es sind nicht lediglich Meinungen; es sind Annahmen, mit denen wir uns identifizieren und die wir verteidigen, weil es ist, als würden wir uns selbst verteidigen.“

Dem Dialog geht es dagegen nicht um Positionsbehauptung oder rhetorische Eloquenz, Rechthaberei oder Durchset-zung, sondern um Verständigung. Deshalb ist es wesentlich, nicht nur gesprächsbereit zu sein, sondern auch zuhören zu können, aber auch nachzudenken, bevor man redet. Zuhören als Haltung, nicht wo kann ich widersprechen, sondern was will der andere sagen. Die Denkhaltung des Dialogs unterscheidet sich prinzipiell von der des politischen Streitgesprächs. Aus politischen Diskussionen will man als Sieger hervorgehen, man lauert darauf, den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen.

Im Dialog ist man auch nicht an einem sofortigen Einverständnis interessiert, denn dann wäre das Gespräch sofort zu Ende, sondern man lässt sich anregen, erwartet Widerspruch, um das eigene Argument zu prüfen. Der Dialog ermöglicht ein Probedenken, eine heuristische Haltung. Im Dialog will niemand Recht haben, sondern alle wollen gemeinsam eine Sache klären. Im Dialog ereignet sich eine Koevolution, eine gemeinsame Entwicklung unter Wahrung der Indivi-dualität. Im Unterschied zu einer Sekte geht der einzelne nicht völlig in der Gemeinschaft auf und gibt seine kritische Urteilsfähigkeit nicht an einen Guru ab. Der Dialog erfordert kritische Partner, aber eine konstruktive, freundliche Kritik.

In den 70er Jahren wurde „kritisches Bewusstsein“ an Universitäten häufig als Kunst des gewollten Missverstehens praktiziert. Dialogfähigkeit und -bereitschaft ist nicht nur eine kommunikative Kompetenz, sondern eine Haltung, und zwar sich selbst gegenüber als Bewusstsein der eigenen Individualität, anderen gegenüber als Zeichen der Anerken-nung und schließlich der Gesellschaft, der Umwelt gegenüber. Damit rückt der Dialogbegriff in die Nähe des Bildungs-begriffs im Sinne Hartmut von Hentigs: „Die Menschen stärken und die Sachen klären.“

Dialog schafft Nähe 

Der Dialogbegriff wird vorwiegend auf Zweiergespräche oder Gespräche in kleinen Gruppen bezogen. Angesichts wachsender Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse und damit verbundener Sprachbarrieren und Milieuunterschiede kommt dem Dialog zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Kulturen eine große gesellschaftspolitische Bedeutung zu. Die Sozialforschung hat deutlich gemacht, dass Ängste, Aggressionen, Vorurteile gegenüber anderen Gruppen zunehmen, je weniger Sozialkontakte möglich sind. Je weniger Gespräche zwischen der älteren und jüngeren Generation, zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen stattfinden, desto mehr Konflikte und sozialer Sprengstoff entwickeln sich. Obwohl der Dialogbegriff auch politisch in aller Munde ist – als Bürgerdialog, ökologischer Dialog, Dialog mit der Jugend, Dialog zwischen den Kulturen und Religionen – unterliegt Politik anderen Regeln und Rationalitäten. Dabei stelle ich nicht die Dialogbereitschaft einzelner Politiker in Frage, sondern ich denke an Politik als System, an die politischen Strukturen. Andererseits steht es auch um die politische Kultur der Öffentlichkeit nicht zum besten. Die vorherrschende Mentalität scheint die der permanenten Besserwisser, der terribles simplificateurs zu sein. Ulrich Beck stellt für die 90er Jahre fest: „An die Stelle des Schreckens tritt das Gleichgewicht der Nörgler – alle sind uneins mit allem und allen. “

Haben wir in der politischen Bildung der 70er Jahre mehr Kritikfähigkeit eingeklagt, so müssen wir heute angesichts der Komplexität der politischen Probleme für mehr Urteilsvorsicht plädieren, für mehr Nachdenklichkeit anstelle der radika-len Lösungen ohne Rücksicht auf unkalkulierbare Folgen und Nebenwirkungen.

In der Tat lässt sich das Dialog-Projekt als Bestandteil eines weltweiten Paradigmenwechsels betrachten. So zeichnet sich im Bildungssektor, aber auch in der Managementwissenschaft und Organisationsentwicklung, in der Psychotherapie und in Ansätzen in der Politik eine Akzentverschiebung von einem normativen zu einem interpretativen Weltbild ab. Stichworte für diese Wende der Wahrnehmung sind der Abschied von einem technologischen Machbarkeitswahn und Aufwertung von Selbstorganisation, der Abschied von dogmatischen Wahrheitsansprüchen und Anerkennung einer Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen und der Abschied von der Informationsgesellschaft (mit ihrer entmündigenden Informationsfülle) hin zu einer Kommunikations- und Lerngesellschaft.

Horst Siebert ist Leiter des Instituts für Erwachsenenbildung, Universität Hannover